Luxusprobleme

Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn’ ich mich aus. Otto Grünmandl

Dieser eine Satz beschreibt mein Leben erstaunlich gut.

In den nächsten Wochen habe ich ein wichtiges politisches Statement zu machen. Vielleicht das wichtigste in meinem Leben. Eine berufliche Richtung und die damit verbundene gesellschaftliche Position wählen!

Am liebsten stünde ich am Rande der Gesellschaft. Zum Beispiel in der Wissenschaft oder in den Medien. Als Teil des Systems – so abstrakt das auch klingen mag – kann ich mich zur Zeit einfach nicht sehen. Rainald Grebe ist ein sehr feiner Mensch. Nur bin ich mir nicht sicher, ob mir seine Lieder gerade helfen oder mich bloß deprimieren.

Wähle eigentlich nur ich diese Position bewusst?

———————-

Es gibt auf youtube einen Aufritt von Rainald Grebe in einer (der?) NDR-Talkshow. Herr Grebe sitzt zunächst in einer Gruppe saufender und fressender (anders kann man es nicht ausdrücken) verzogener Gäste. Es werden ein paar uninteressante (und offensichtlich schlecht vorbereiteter) Fragen gestellt, bis der gelangweilte Gast ans Klavier entfliehen kann. Ganz zum Schluss spielt er das Lied „Oben“ an, bei dem aus der Perspektive eines Reichen über Luxusprobleme gesprochen wird – vermutlich um die dekadenten Runde ein wenig aufzumischen. Und wie reagiert die Moderatorin? Sie fühlt sich angesprochen („Das ist meine Geschichte!“). Selten habe ich so eine großartige Realsatire gesehen.

Wenn ich die Talkshow-Runde betrachte, wird mir wieder ganz übel. Diese konsumierenden Vollidioten mit ihren verschlossenen Gesichtern. Und genau diese Situation, in der sich Rainald Grebe befindet, habe ich schon viel zu oft am eigenen Leibe erfahren.

Das Video gibt es hier. Das Lied „Oben“ gibt es hier.

Advertisements

10 responses to this post.

  1. Posted by zartbitterdenken on 17. Juli 2012 at 09:17

    Reinald Grebe ist ein großartiger Entertainer. Ich denke aber, dass viele nur über die lustige Fassade seiner humorösen Lieder und Texte lachen und sich keine Gedanken über den tieferen Sinn seines Schaffens machen.

    Zu deiner Position. ich aknn das nachvollziehen, aber ich denke man muss sich inmitten dieser Gesellschaft bewegen, um etwas Ändern pder die Herzen mancher erreichen zu können. Sich nur am Rand zu bewegen halte ich so gut wie nie für sinnvoll.

    Antwort

  2. Ach, ich versteh dich gut. In einigen Monaten werde ich für den Staat arbeiten als Lehrerin. Zuerst kam mir dieser Gedanke als sehr gruselig vor, da man sich da ja irgendwie verpflichtet. Dem Bundesland, der Verfassung etc.. Eigentlich bin ich da ja sehr solidarisch: Ich achte die Grundgesetze, freue mich, dass wir ein funktionierendes Rechtssystem haben (von den Inhalten mal abgesehen) etc.. Aber sich dem gleich so mit Haut und Haaren verschreiben, macht einigen in meinem Jahrgang ein wenig Angst.
    Für mich hat sich das aber alles relativiert. Mein Gehalt mag zwar aus einem Bundesländer-topf kommen, ich bin auch dem Einhalten einiger Regeln unterworfen (keine Mitgliedschaft in der Linken z.B.), aber im Prinzip bin ich doch immer noch ich. Was ich ganz konkret im Klassenzimmer mache, wie ich versuche meine Schüler aufs Leben vorzubereiten und welche Toleranz ich ihnen zu vermitteln suche (ach hier ist er wieder der Demokratiegedanke)- all das ist MEIN Job, den ich so ausführen werde wie ich das für richtig halte. Da mögen mich vielleicht einige als Teil des Establishments ansehen, aber als Lehrer bin ich doch nah dran an den Menschen, ich sitze nicht im Ministerium. Das macht für mich den Unterschied,
    Ich hoffe du findest auch so eine „Stelle“/Position, die dir kompromiss genug ist um dabei keine Bauchschmerzen zu bekommen!

    Antwort

    • Danke für den lieben Kommentar. 🙂
      Verstehe ich das richtig, dass dir Parteimitgliedschaften verboten sind?

      Ich finde, dass LehrerIn ein sehr lässiger Job ist. Das liegt wohl vor allem daran, dass ich ein paar wenige gute Lehrer und Lehrerinnen hatte, die mich auf den richtige Weg gebracht haben. Zum Beispiel eine Deutsch-Lehrerin, die gute Bücher besprochen hat. Oder ein Physik-Lehrer, der immer wieder zum kritischen Hinterfragen – nicht nur in der Wissenschaft – aufgefordert hat. Oft ist es auch einfach nur das Vorleben einer bestimmten Lebensphilosophie des Lehrers. Allerdings wäre ich als Lehrer vermutlich hoffnungslos verloren. Spätestens nach zwei Jahren hätte ich vermutlich einen psychischen Zusammenbruch. 😉 Kinder sind mir einfach zu stressig. 😉

      Antwort

      • ja, ich hatte auch solche Lehrer-genau deshalb habe ich mich für diesen Beruf entschieden.
        Uns sind nur Mitgliedschaften in Organisationen verboten, die vom Verfassungsschutz überwacht werden. Bei den Parteien sind das eben Die Linke und die NPD.

  3. Darüber bin ich gerade gestolpert und musste natürlich an deinen Kommentar denken: http://abstrusegoose.com/487

    Antwort

  4. Ich glaube derzeit, dass nicht das Private politisch ist, sondern das Politische privat. Wenn jemenschd also privat reflektiert, ist er mehr zum Politischen vorgedrungen als viele (un-)bewusst inszenierten (vermeintlich-)politischen Materialisierungen (von Wünschen etc.).

    Antwort

  5. Die Gesamtheit dessen, wie Menschen ihre (nach meiner Definition primär bzw. inhaltlich un- oder) nicht-politischen Wünsche in eine politische Form verpacken. Die politische Attitude, Rhetorik und Symbolisierungen etc. dabei nur als Vehikel für soziologische Wünsche. Zusammenfassbar als Status, abstrakte und konkrete gesellschaftliche Positionen und Anerkennung.
    Im Sinne Hannah Arendts ist das Politische das, bei dem mensch sein Potenzial zur Gestaltung seiner Welt aktiv ausübt. Das sehe ich derzeit vor allem im Umgang mit den Mitmenschen gegeben. Heute besonders gefordert durch die Komplexität und Vielfalt der anonymen Großgesellschaft. Wenn uns ein Mitmensch aus dieser abstrakten Zusammenfassung („Gesellschaft“) face-to-face (physisch oder virtuell) begegnet, wird er zum konkreten Wesen. Mit den Mitmenschen umgehen zu können, obwohl sie nicht aus der eigenen „Horde“ (Kleingruppe/face-to-face-Gemeinschaft etc.) sind, ist eine Herausforderung. Aber ich glaube wir haben immer wieder das Potenzial dazu. Für diese andauernde, unlösbare (<- typisch Postmodernismus) Aufgabe. Das ist dann für mich nach meiner derzeitigen Definition politisch.

    Antwort

    • Jetzt verstehe ich dich (vermutlich). Es mag sein, dass es solche gesellschaftlichen Trends gibt. Aber ich kenne mich viel zu wenig mit der Thematik aus, als dass ich da etwas qualifiziertes zu sagen könnte. Wie andere Menschen ticken, ist mir oftmals ein Rätsel, vor allem wenn es um Macht/Geld/Position geht.
      Hier auf dem Blog gehts vor allem um mich. Die Gesellschaft analysieren können die Profis (mit ihren sozialwissenschaftlichen Methoden) sowieso besser. Ob bei mir das Politische privat ist, geht in eine etwas andere Richtung. Ich vertrete natürlich eine politische Position, die eine bestimmte Art von Gesellschaft propagiert. Und vermutlich vertrete ich meine Position, weil ich mich in einer solchen Gesellschaft (auch privat) wohlfühlen würde. Allerdings nicht wegen meiner daraus folgenden Macht/Geld/Position, sondern weil es anderen in dieser Gesellschaft besser gehen würde, die derzeit unterdrückt werden. Ich glaube es geht gar nicht, dass das Politische nicht privat ist – man muss aber unterscheiden, ob nun aus egoistischen oder altrusitischen Gründen.
      Danke jedenfalls für deinen Kommentar; das war eine interessante Anregung.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: